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Rollenwechsel im Etikettendruck

Spätestens wenn er über laufende Meter spricht, ist der Etikettendrucker derjenige, der von seinen Kollegen aus den Bereichen Akzidenz, Faltschachteln oder gar LFP belächelt wird. Doch die kleinen „Aufkleber“ sind schon lange salonfähig geworden, sind bunt, aussagekräftig, verkaufsfördernd und allgegenwärtig. Und während manch einer beim Gedanken an Druckereien sorgenvoll die Stirn runzeln wird, sind Etiketten ins Augenmerk von Investoren gerückt.

 

Der Markt für Etiketten war in Deutschland – wie in vielen anderen Ländern auch – über viele Jahrzehnte stark fragmentiert und Etikettenhersteller mit 10 – 50 Mitarbeitern lösten in allen Ecken der Republik den regionalen oder auch branchenspezifischen Bedarf ihrer Kunden. Manch einer mit betagten Maschinen, die ihren Zweck noch gut erfüllten, manch einer am Puls der Zeit mit einem Gespür für die richtigen neuen Technologien.

Ein Generationenwechsel im Mittelstand einerseits, der Bedarf für internationale Kunden flächendeckend lieferfähig zu sein andererseits, hat in den letzten 20 Jahren das Marktumfeld verändert. Die kanadische CCL war dabei der erste große internationale Anbieter, der ein weltweites Netzwerk von Etikettendruckern aufbaute. 2003 erfolgt die erste Beteiligung in Österreich, 2005 die Akquisition der Steinbeis PPL in Holzkirchen bei München, der einige weitere folgen sollten. Inzwischen ist CCL mit mehr als 10 Produktionsstätten in Deutschland präsent und mehr als 180 Standorten weltweit. Unangefochten ist der einzige börsennotierte Etikettenhersteller mit rd. EUR 3,5 Mrd. Umsatz (davon rd. EUR 2,5 Mrd. in den Geschäftsbereichen CCL Label und Avery) damit Weltmarktführer.

Die Nummer 2 der Welt, die US-amerikanische Multi-Color Corp, hat sich auf dem deutschen Markt lange zurück gehalten, erst in 2017 das Etikettengeschäft von Constantia übernommen sowie den Weinetikettenspezialisten GEWA. Seit Juli 2019 gehören die Amerikaner mit einem Umsatz von rd. EUR 2 Mrd., produziert an über 70 Standorten weltweit, mehrheitlich dem Finanzinvestor Platinum Equity.

Nur wenig später, im August 2019, hatte auch Deutschlands führende Etikettengruppe, die erst 2015 aus RAKO, X-Label und Baumgarten geformte All4Labels einen Eigentümerwechsel zu verkünden. Triton Partners, ein deutsch-schwedischer Private Equity-Investor hat hier die Mehrheit übernommen mit der Strategie das weitere Wachstum von heute rd. 30 Standorten und rd. EUR 500 Mio. Umsatz weiter zu beflügeln.

In den letzten Wochen hat sich nun ein weiterer Spieler auf dem deutschen Markt gezeigt. Mit dem Jahr 1995 hat sich Etiket Nederland B.V, die ursprüngliche Keimzelle der heutigen Optimum Group, erst spät in diesem Markt positioniert und doch seit 2014 gemeinsam mit einem Finanzinvestor eine aktive Rolle dabei übernommen, den holländischen Etikettenmarkt zu konsolidieren. Mit verschiedenen Akquisitionen hat die Optimum Group sukzessive neue Standorte, weitere Kunden, ergänzende Zielbranchen und neue Technologien wie den Digitaldruck und Produkte wie Shrink Sleeves hinzugewonnen. Mit dem Wechsel von Mentha Capital zum schwedischen Finanzinvestor IK Investment Partners in 2018 hat sich das Wachstumstempo der Optimum Group noch beschleunigt.

André Prophitius, heute Chief Marketing Officer der Gruppe und gemeinsam mit Ralf Christoffer auch für das Deutschland-Geschäft verantwortlich, hat die Entwicklung vom lokalen Player zur multinationalen Gruppe intensiv miterlebt. 2008 hat er sich selbst als MBI bei Max. Aarts beteiligt, zu diesem Zeitpunkt eine hochspezialisierte kleine Druckerei mit dem Fokus auf Banderolen. „Beim ersten Anruf habe ich schlichtweg abgelehnt, ein Verkauf von Max. Aarts kam für mich nicht in Frage“, offenbart André Prophitius. Doch der Vorstoß von Etiket Nederland hat die Eigner von Max. Aarts zum Nachdenken gebracht und Anfang 2016 die Alteigentümer überzeugt, sich der Firmengruppe anzuschließen. André Prophitius ist an Bord geblieben, ist wie einige andere Gründer der inzwischen deutlich gewachsenen Firmengruppe unverändert Mitgesellschafter und im Vorstand der Gruppe für die Bereiche Marketing und Business Development verantwortlich. Und obwohl die Gruppe inzwischen ihren geographischen Fußabdruck auf Benelux, Deutschland und Skandinavien ausgeweitet hat, fühlt sich sein Büro bei Max. Aarts in Enschede immer noch wie „zu Hause“ an.

Investitionen und Finanzierung gehören zu den Dingen, die leichter werden für ein mittelständisches Unternehmen durch den Anschluss an eine finanzstarke Gruppe. Der Einkauf wird gebündelt, ein gemeinsames IT-Backbone ist in der Optimum Group im Roll-Out und mit einer gruppeninternen Akademie will man den Know-How-Transfer und den Austausch zwischen den Gruppenfirmen stärken. Davon abgesehen könne man auch mit einem Finanzinvestor als Mehrheitsgesellschafter völlig autonom arbeiten, wobei ein profitables Wachstum natürlich im Fokus stehe. „Ich glaube, dass sich auch in Zukunft Etikettendrucker stand alone im Markt behaupten werden, aber für manche wird das Marktumfeld auch schwieriger werden. Als Optimum Group wollen wir auch in Zukunft organisch und anorganisch wachsen, wobei es uns nicht darum geht, schlicht Umsatz zu kaufen. Ein neues Unternehmen sollte auch einen Mehrwert in die Gruppe einbringen, sei es ein neuer regionaler Markt oder seien es Produkte, die unser Leistungsspektrum ergänzen.“

Es scheint wir können gespannt sein, welche weiteren Veränderungen uns im deutschen und europäischen Etikettenmarkt in den nächsten Jahren noch erwarten werden.

Quelle/Auszug aus Originalartikel: Neue Verpackung